Ihr Gehirn hat ein eigenes Älter – und Ihre Blutgefäße bestimmen, welches

Eine große schwedische Studie an 70-Jährigen zeigt: Was die Arterien schützt, lässt auch das Gehirn im MRT jünger aussehen. Was die Forschung tatsächlich herausgefunden hat – und warum das bereits lange vor jeder Demenz von Bedeutung ist.

Die meisten von uns kennen einen 70-Jährigen, der geistig wacher, schneller und präsenter wirkt als mancher, der fünfzehn Jahre jünger ist. Und wir kennen das Gegenteil. Lange war das nur ein Eindruck – etwas, das Ärzte beobachteten, aber nicht erklären konnten. Das beginnt sich zu ändern.

Eine große bevölkerungsbasierte Studie aus Schweden, 2024 in der Fachzeitschrift Alzheimer’s & Dementia erschienen, liefert einen der bislang klarsten Einblicke darin, was diesen Unterschied tatsächlich ausmacht. Die Forscher untersuchten 739 kognitiv gesunde 70-Jährige aus der Gothenburg H70 Birth Cohort und stellten eine scheinbar einfache Frage: Wenn man das MRT eines Gehirns in ein KI-Modell eingibt, das darauf trainiert ist, das Älter eines Menschen zu schätzen – wie weit liegt die Schätzung daneben, und was sagt diese Abweichung voraus?

Die Antwort in Kürze: Das Gehirn altert so, wie die Blutgefäße altern, die es versorgen. Die Gefäßgesundheit – nicht nur die Genetik, nicht nur „Pech“ – erwies sich als einer der stärksten und am besten beeinflussbaren Faktoren dafür, wie alt ein Gehirn aussieht.

Wie misst man überhaupt das „Alter“ eines Gehirns?

Das Konzept heißt Brain Age Gap, kurz BAG – die Differenz zwischen Hirnalter und Lebensalter. Die Forscher trainierten ein Deep-Learning-Modell mit knapp 19.000 Hirn-MRTs darauf, das chronologische Älter eines Menschen allein aus der Hirnstruktur vorherzusagen – Kortexdicke, Gewebemuster, Zeichen von Atrophie. Ist das Modell einmal trainiert, lässt sich jeder neue Scan damit auswerten und ergibt ein „vorhergesagtes Hirnalter“.

Zieht man vom vorhergesagten Hirnalter das tatsächliche Leerhältter ab, erhält man den BAG:

  • Ein negativer BAG bedeutet, dass das Gehirn jünger aussieht als der Kalender es sagt – ein Zeichen dafür, was Forscher „Brain Maintenance“ nennen, also die Erhaltung der Hirnstruktur.
  • Ein positiver BAG bedeutet, dass das Gehirn älter aussieht als erwartet – möglicherweise ein frühes, stilles Signal für sich anhäufende Schäden, lange bevor Symptome auftreten.

Das ist relevant, weil der BAG keine abstrakte Zahl ist. Er spiegelt reale, messbare Gewebeveränderungen wider – Atrophie, zerebrale Mikroangiopathie, Schäden an der „Verkabelung“ der weißen Substanz –, von denen bekannt ist, dass sie dem kognitiven Abbau um Jahre oder Jahrzehnte vorausgehen.

Was ein Gehirn tatsächlich älter aussehen lässt

Nach gleichzeitiger Adjustierung für alle übrigen Faktoren stachen drei Merkmale als unabhängig mit einem älter wirkenden Gehirn assoziiert heraus:

  • Körperliche Inaktivität – mit großem Abstand der stärkste Einzelprädiktor der gesamten Studie
  • Diabetes
  • Ein früherer Schlaganfall oder eine transitorische ischämische Attacke (TIA, oft „Mini-Schlaganfall“ genannt)

Auf Ebene der Biomarker fielen zwei Blutwerte deutlich auf:

  • C-reaktives Protein (CRP), ein Marker für niedriggradige systemische Entzündung
  • Nüchternblutzucker

Beide waren unabhängig voneinander mit einem höheren Hirnalter assoziiert, auch nach Berücksichtigung anderer Risikofaktoren. Die Bildgebung selbst zeichnete ein konsistentes Bild: Menschen mit einer höheren Last an zerebraler Mikroangiopathie – jenen mikroskopischen Gefäßschäden, die im MRT als weiße Flecken sichtbar werden – und Menschen mit weniger intakter weißer Substanz (gemessen mit einem speziellen Verfahren, der Diffusions-Tensor-Bildgebung, DTI) hatten deutlich älter aussehende Gehirne.

Einfach gesagt: Entzündung, Blutzucker und die kleinen Blutgefäße tief im Gehirn sind keine Nebenschauplätze. Sie sind zentral dafür, wie schnell das Gehirn altert.

Der überraschendste Befund: Fitness schlägt Übergewicht

Hier wird die Studie wirklich interessant – und ein wenig kontraintuitiv.

Für sich betrachtet zeigte Adipositas keinen eindeutig negativen Effekt auf das Hirnalter. Nach vollständiger statistischer Adjustierung war Adipositas insgesamt sogar schwach mit einem jünger wirkenden Gehirn assoziiert. Das klingt falsch – bis man sich ansieht, wer diesen Effekt verursacht hat.

Die Forscher gingen der Sache nach und teilten die Menschen mit Adipositas in zwei Gruppen: körperlich aktive und körperlich inaktive. Das Ergebnis war bemerkenswert. Körperlich aktive Menschen mit Adipositas hatten die am jüngsten aussehenden Gehirne der gesamten Studie – im Durchschnitt jünger als die normalgewichtigen, körperlich inaktiven Menschen.

Mit anderen Worten: Regelmäßige Bewegung hat den Einfluss des Übergewichts auf das Gehirn nicht nur abgemildert. In diesem Datensatz hat sie ihn mehr als ausgeglichen. Wer Übergewicht hatte, sich aber regelmäßig bewegte, hatte im Durchschnitt ein biologisch jüngeres Gehirn als ein schlanker Mensch, der sich kaum bewegte.

Das heißt nicht, dass das Körpergewicht keine Rolle spielt – es heißt, dass die kardiorespiratorische Fitness offenbar ein stärkerer, unabhängiger Hebel für die Hirngesundheit ist als das Körpergewicht allein. Das ist eine ermutigende Botschaft, denn Fitness kann fast jeder aufbauen, unabhängig vom Ausgangsgewicht.

Was ein „älteres“ Gehirn kognitiv kostet

Die Studie beschränkte sich nicht auf die Bildgebung. Die Teilnehmer absolvierten zudem eine umfassende neuropsychologische Testbatterie zu Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, exekutiven Funktionen, Wortflüssigkeit und visuell-räumlichen Fähigkeiten (etwa mentale Rotation und räumliches Denken).

Menschen mit einem älter aussehenden Gehirn (höherer BAG) schnitten messbar schlechter ab bei:

  • der globalen kognitiven Leistung
  • Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • visuell-räumlichen Fähigkeiten

Das sind genau die kognitiven Bereiche, die am stärksten mit vaskulärer kognitiver Beeinträchtigung in Verbindung stehen – jener Form des geistigen Abbaus, die durch Gefäßschäden entsteht, im Unterschied zum klassischen Gedächtnisverlust vom Alzheimer-Typ.

Bemerkenswert: Als die Forscher die Liquor-Biomarker für Amyloid und Tau untersuchten – die beiden charakteristischen Proteine der Alzheimer-Krankheit –, fanden sie in dieser gesunden Population keinen Zusammenhang zwischen diesen Markern und dem Hirnalter. Das ist eine wichtige Unterscheidung: Bei kognitiv gesunden älteren Menschen scheint ein „älteres“ Gehirn im Scan vor allem durch vaskulären Verschleiß bedingt zu sein – nicht durch eine unbemerkt fortschreitende Alzheimer-Pathologie.

Männer und Frauen altern unterschiedlich – und nicht nur auf die offensichtliche Weise

Zu den differenzierteren Befunden gehörte, dass sich die Treiber der Hirnalterung zwischen Männern und Frauen deutlich unterschieden.

Bei Männern war ein höheres Hirnalter stärker mit strukturellen Veränderungen (dünnerer Kortex), einer höheren Last an zerebraler Mikroangiopathie, Entzündung sowie gestörten Glukose- und Lipidwerten verknüpft – kognitiv zeigte sich das in schwächerer Aufmerksamkeit, Wortflüssigkeit und visuell-räumlicher Leistung.

Bei Frauen sah das Bild anders aus: Alkoholkonsum und ein früherer Schlaganfall erwiesen sich als die stärksten Prädiktoren, und die kognitiven Auswirkungen zeigten sich vor allem in eingeschränkten exekutiven Funktionen und im episodischen Gedächtnis.

Das passt zu einer wachsenden Evidenz dafür, dass Männer und Frauen auf dem Weg zum kognitiven Abbau für teils unterschiedliche biologische Mechanismen anfällig sein könnten – eine Erkenntnis, die für eine künftig zielgerichtetere Prävention wichtig ist.

Das Fazit

Diese Studie wurde nicht konzipiert, um ein Nahrungsergänzungsmittel oder einen Ernährungstrend zu bewerben. Sie ist eine sorgfältige, bildgebungsbasierte Bestätigung dessen, was die Gefäßmedizin seit Langem vermutet: Das Gehirn ist kein eigenständiges Organ, das zufällig im Schädel sitzt. Es hängt am selben Gefäßsystem, das auch das Herz, die Beine und jedes andere Gewebe des Körpers versorgt.

Die praktischen Konsequenzen sind erfrischend unspektakulär:

  1. Bewegen Sie sich regelmäßig. Von allem, was in dieser Studie gemessen wurde, hatte körperliche Inaktivität den größten Einzeleffekt auf die Hirnalterung – größer als Diabetes, größer als Entzündung, größer als jeder einzelne Blutwert.
  2. Achten Sie auf Ihren Blutzucker – auch schon bevor die Schwelle zum diagnostizierten Diabetes erreicht ist.
  3. Nehmen Sie niedriggradige Entzündung ernst. Ein leicht erhöhtes CRP ist nicht „nichts“ – es ist ein messbarer Treiber der Hirnalterung.
  4. Kardiovaskuläre Risikofaktoren sind auch für das Gehirn relevant. Es gibt keine sinnvolle Trennlinie zwischen „Gefäßgesundheit“ und „Hirngesundheit“ – es ist dasselbe System, aus zwei Blickwinkeln betrachtet.

Als jemand, der seit Jahrzehnten Gefäßerkrankungen behandelt, finde ich diese Art von Forschung eher beruhigend als beunruhigend. Sie bestätigt, dass dieselben täglichen Gewohnheiten, die Ihre Beine und Ihr Herz schützen – Bewegung, Blutzuckerkontrolle, Entzündungen in Schach halten –, zugleich das Organ schützen, um das Sie sich vermutlich die größten Sorgen machen: Ihr Gehirn.

Quelle: Marseglia A, Dartora C, Samuelsson J, et al. Biological brain age and resilience in cognitively unimpaired 70-year-old individuals. Alzheimer’s & Dementia. 2024. DOI: 10.1002/alz.14435

Veröffentlicht von Prof Ralf Kolvenbach

Ich bin für Sie da, wenn Sie Probleme mit den Gefäßen haben. Dieses kann sich auf die Schlagadern aber auch auf Venenerkrankungen beziehen. Mein Team und ich haben in Düsseldorf als auch International seit vielen Jahren Erfahrung in der minimal invasiven Behandlung dieser Erkrankungen.

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