Prädiabetes: Warum ein „leicht erhöhter Zucker“ Herz, Gefäße und Lebenserwartung betrifft
Viele Menschen hören beim Check-up: „Ihr Zucker ist etwas erhöht, aber noch kein Diabetes.“ Medizinisch heißt dieser Zwischenzustand Prädiabetes. Lange galt er als harmlose Grauzone. Eine große Auswertung im British Medical Journal (Cai et al., BMJ 2020) und mehrere neuere Studien zeigen, dass man das so nicht stehen lassen sollte.
Was ist Prädiabetes?
Die Blutzuckerwerte liegen über dem Normalbereich, aber unter der Schwelle für Diabetes. Typische Kriterien sind:
- Nüchternblutzucker: 100–125 mg/dl nach US-Definition, 110–125 mg/dl nach WHO-Definition
- Zuckerbelastungstest: 2-Stunden-Wert von 140–199 mg/dl
- Langzeitzucker (HbA1c): 5,7–6,4 %
Betroffen ist je nach Definition etwa jeder dritte Erwachsene.
Die Studie
Die Autoren haben 129 Langzeitstudien mit insgesamt über 10 Millionen Menschen ausgewertet. Sie haben zwei Gruppen getrennt betrachtet:
- die Allgemeinbevölkerung, im Mittel knapp 10 Jahre beobachtet
- Menschen mit bereits bestehender Gefäßerkrankung, etwa nach Herzinfarkt oder mit Durchblutungsstörungen, im Mittel gut 3 Jahre beobachtet
Gefragt wurde: Sterben Menschen mit Prädiabetes früher, und erleiden sie häufiger Herzinfarkt oder Schlaganfall?
Schwerpunkt: Gesamtsterblichkeit
Die Gesamtsterblichkeit erfasst jeden Todesfall, unabhängig von der Ursache. Das ist der härteste und ehrlichste Endpunkt einer Studie. Er lässt sich nicht durch Diagnose- oder Definitionsfragen schönrechnen.
1. In der Allgemeinbevölkerung
Menschen mit Prädiabetes hatten ein um 13 % höheres Sterberisiko als Menschen mit normalem Blutzuckerwert. In absoluten Zahlen bedeutet das etwa 7 zusätzliche Todesfälle pro 10.000 Menschen und Jahr. Für den Einzelnen ist das wenig. Bei Millionen Betroffenen summiert sich das jedoch zu einer erheblichen Zahl vermeidbarer Todesfälle.
2. Welcher Messwert sagt am meisten aus?
Hier liegt die vielleicht wichtigste Botschaft der Arbeit:
| Art des Prädiabetes | Erhöhung des Sterberisikos |
| Auffälliger Zuckerbelastungstest | +25 % |
| HbA1c 6,0–6,4 % | +21 % |
| Nüchternzucker 110–125 mg/dl (WHO) | +13 % |
| Nüchternzucker 100–125 mg/dl (USA) | +7 % |
| HbA1c 5,7–6,4 % | statistisch nicht gesichert |
Der Zuckerbelastungstest erfasst offenbar am besten, wie gut der Körper mit den Zuckerspitzen nach dem Essen umgeht. Genau diese Spitzen scheinen besonders schädlich zu sein.
3. Wo beginnt das Risiko?
Die Forscher haben den Nüchternzucker genauer aufgeschlüsselt:
- 100–109 mg/dl: kein messbarer Anstieg der Sterblichkeit
- 110–125 mg/dl: 26 % höheres Sterberisiko
Ein Wert knapp über 100 ist also kein Grund zur Panik. Werte ab 110 sollten dagegen ernst genommen werden.
4. Zeit und Alter
- Je länger die Beobachtungszeit war, desto deutlicher zeigte sich der Effekt: +17 % bei 10 Jahren und mehr, gegenüber +11 % bei kürzerer Beobachtungszeit. Prädiabetes ist ein langsamer, aber stetiger Risikofaktor.
- Bei Menschen unter 60 war der Zusammenhang stärker (+16 %) als bei Älteren (+8 %). Ein früh erhöhter Zuckergehalt wirkt sich also über viele Lebensjahre aus.
5. Bei bereits bestehender Gefäßerkrankung
Hier ändert sich das Bild deutlich. Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungsstörungen in der Vorgeschichte hatten bei zusätzlichem Prädiabetes ein um 36 % höheres Sterberisiko. Und das schon nach durchschnittlich drei Jahren.
In absoluten Zahlen sind das rund 66 zusätzliche Todesfälle pro 10.000 Patienten und Jahr. Anschaulich gesagt: Von 1.000 Gefäßpatienten mit Prädiabetes sterben pro Jahr etwa 6 bis 7 mehr als von 1.000 Gefäßpatienten mit normalem Zucker. Das sind rund neunmal so viele zusätzliche Todesfälle wie in der Allgemeinbevölkerung.
Bemerkenswert: Bei Gefäßpatienten war schon der „milde“ erhöhte Nüchternzucker (ab 100 mg/dl) mit einem um 60 % höheren Sterberisiko verbunden. Eine Schwelle, die bei Gesunden kaum ins Gewicht fällt, ist bei vorgeschädigten Gefäßen offenbar hochrelevant.
Zum Vergleich: Wie hoch ist die Sterblichkeit bei Gefäßpatienten ohne Prädiabetes?
Relative Zahlen wie „+36 %“ sind nur aussagekräftig, wenn man den Ausgangswert kennt. Aus den Daten der BMJ-Studie lässt sich dieser zurückrechnen:
| Normaler Blutzucker | Mit Prädiabetes | |
| Allgemeinbevölkerung: Sterblichkeit pro Jahr | ca. 0,6 % | ca. 0,6–0,7 % |
| Gefäßpatienten: Sterblichkeit pro Jahr | ca. 1,8 % | ca. 2,5 % |
| Gefäßpatienten: Herz-Kreislauf-Ereignisse pro Jahr | ca. 5 % | ca. 7 % |
Rückgerechnet aus den in der Studie angegebenen absoluten und relativen Risiken.
Das zeigt die eigentliche Botschaft: Schon die Gefäßerkrankung allein verdreifacht die jährliche Sterblichkeit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Der Prädiabetes kommt oben drauf.
Insbesondere bei der Schaufensterkrankheit (pAVK) ist die Sterblichkeit noch höher. Sie hängt stark vom Alter und vom Stadium ab:
- In einer österreichischen Kohorte (Linz) starben innerhalb von 5 Jahren 10 % der pAVK-Patienten unter 75 Jahren ohne Diabetes. Bei Diabetes waren es 23 %. Bei den über 75-Jährigen waren es 38 % ohne Diabetes und 52 % mit Diabetes.
- Bei Patienten nach Kathetereingriff an den Beinarterien lag die 5-Jahres-Sterblichkeit bei 25 % bei Schaufensterkrankheit und bei rund 60 % bei kritischer Durchblutungsstörung (offene Wunden, Ruheschmerz).
Ehrlicherweise muss man sagen: Insbesondere bei pAVK-Patienten ist der zusätzliche Effekt des Prädiabetes auf die Sterblichkeit nicht eindeutig belegt. Die BMJ-Studie umfasste überwiegend Herzpatienten. Eine australische Studie mit gut 1.600 pAVK-Patienten fand bei erhöhtem Nüchternzucker keine höhere Sterblichkeit als bei normalem Nüchternzucker. Deutlich schlechter schnitten dort dagegen Patienten mit unbehandeltem oder insulinpflichtigem Diabetes ab. Für den Alltag heißt das: Bei pAVK-Patienten ist es besonders wichtig, einen bisher unentdeckten Diabetes nicht zu übersehen.
6. Warum sterben Menschen mit Prädiabetes früher?
Die Studie liefert Hinweise, aber keine endgültige Antwort:
- Die großen Gefäße: Herzinfarkt, Schlaganfall und koronare Herzkrankheit treten häufiger auf.
- Die kleinen Gefäße: Schon vor dem eigentlichen Diabetes ist die Funktion der feinsten Blutgefäße messbar gestört, etwa in den Nieren, der Netzhaut und den Nerven.
- Der Übergang zum Diabetes: Ein Teil der Betroffenen entwickelt im Verlauf Diabetes. Studien zeigen aber, dass das Risiko auch bei Menschen erhöht bleibt, die nicht zum Diabetiker werden.
- Andere Erkrankungen: Prädiabetes ist auch mit chronischer Nierenerkrankung, Demenz und Krebs verbunden (siehe unten).
Prädiabetes und Krebs
Die erhöhte Gesamtsterblichkeit lässt sich nicht allein durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen erklären. Die BMJ-Studie hat die Todesursachen nicht aufgeschlüsselt. Andere Auswertungen legen jedoch nahe, dass ein Teil auf Krebserkrankungen zurückzuführen ist.
Krebs insgesamt: Eine Metaanalyse in Diabetologia (2014) fand bei Prädiabetes ein um 15 % erhöhtes Krebsrisiko, unabhängig von der Definition des Prädiabetes. Neuere Analysen zu einzelnen Krebsarten zeigen deutliche Unterschiede:
| Krebsart | Risikoerhöhung bei Prädiabetes |
| Bauchspeicheldrüse | +42 %, sehr einheitliche Datenlage |
| Darm | +18 % |
| Lunge (Sterblichkeit) | +19 % |
| Magen | +7 % |
| Brust | uneinheitlich |
Beim Brustkrebs widersprechen sich die Studien: Eine Metaanalyse fand keinen Zusammenhang, eine große Übersichtsarbeit zählt Brustkrebs dagegen zu den mit Prädiabetes verbundenen Erkrankungen, ebenso Leberkrebs.
Warum könnte erhöhter Zucker Krebs fördern? Diskutiert werden vor allem:
- erhöhte Insulinspiegel, die auch das Zellwachstum anregen,
- eine chronische, unterschwellige Entzündung,
- gemeinsame Ursachen wie Übergewicht und Bewegungsmangel.
Gerade der letzte Punkt mahnt zur Vorsicht. Es ist nicht sicher, ob der Zucker selbst oder der zugrunde liegende Lebensstil den Ausschlag gibt.
Beim Bauchspeicheldrüsenkrebs gibt es eine Besonderheit: Der Tumor kann selbst zu einem Anstieg des Blutzuckers führen. Ein neu aufgetretener, ungeklärter Zuckeranstieg im höheren Lebensalter ist daher ein Befund, den man ernst nehmen sollte.
Für die Gesamtsterblichkeit bedeutet das: Prädiabetes ist ein Marker für ein breiteres Stoffwechselproblem. Er betrifft nicht nur die Gefäße, sondern möglicherweise auch das Risiko für Krebs, Nierenerkrankungen und Demenz. Das erklärt, warum die Sterblichkeit insgesamt steigt.
Herzinfarkt und Schlaganfall
- Allgemeinbevölkerung: Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen lag um 15 %, für koronare Herzkrankheit um 16 % und für Schlaganfall um 14 % höher.
- Gefäßpatienten: Das Risiko für weitere Herz-Kreislauf-Ereignisse war um 37 % höher. Das entspricht rund 190 zusätzlichen Ereignissen pro 10.000 Patienten und Jahr, also knapp 2 % pro Jahr.
Neuere Daten: Was wissen wir heute?
Schaufensterkrankheit (pAVK): Die BMJ-Studie hat die Beine nicht gesondert untersucht. Eine Metaanalyse in den Annals of Vascular Surgery (2024) ergab bei gut 90.000 Teilnehmern ein um 27 % erhöhtes pAVK-Risiko bei Prädiabetes, besonders deutlich bei leicht erhöhtem HbA1c (+47 %). Eine weitere Kohortenstudie fand bei Prädiabetes ein erhöhtes Risiko für schwere Ereignisse an den Beinen (+26 %) und am Herzen (+46 %). Die Folgen betreffen also die gesamte Gefäßstrecke.
Aktuelle Großkohorte: Eine Studie mit über 1,3 Millionen Erwachsenen zeigte nach vollständiger statistischer Bereinigung ein um 21 % höheres Risiko für arteriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Am stärksten betroffen waren junge Erwachsene und Menschen mit Übergewicht.
Leitlinien: Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie hat den Prädiabetes in ihrer Leitlinie von 2023 aufgrund fehlender klarer Evidenz ausgeklammert. Die Vorgängerversion von 2019 hatte ihn noch ausdrücklich behandelt. Kritiker bemängeln das, weil damit eine Hochrisikogruppe ohne konkrete Behandlungsempfehlung zurückbleibt. Unverändert gilt: Jeder Mensch mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung soll auf Diabetes untersucht werden.
Hilft es, den Zucker zu normalisieren? Die Datenlage ist ermutigend, aber nicht eindeutig:
- Gemeinsame Auswertungen zweier großer Präventionsstudien aus den USA und China zeigen: Wer den Blutzucker wieder in den Normalbereich bringt, halbiert über Jahrzehnte das Risiko für einen Herz-Kreislauf-Tod oder einen Klinikaufenthalt wegen Herzschwäche. Auch die Gesamtsterblichkeit war in dieser Gruppe niedriger.
- Eine neuere Metaanalyse von Beobachtungsstudien fand zwar ein um 68 % geringeres Diabetesrisiko bei Rückkehr zu normalen Werten, aber keine signifikanten Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Sterblichkeit.
- Auch eine Übersicht über randomisierte Studien konnte keinen gesicherten Effekt von Lebensstilmaßnahmen auf die Gesamtsterblichkeit nachweisen.
Ehrlich gesagt: Dass Bewegung und Ernährung Diabetes verhindern können, ist gut belegt. Ob sie bei Prädiabetes auch die Lebenserwartung verlängern, ist plausibel und in Langzeitdaten erkennbar, aber noch nicht abschließend bewiesen.
Was bedeutet das für Sie?
- Lassen Sie Ihre Werte bestimmen und einordnen. Ein Nüchternzuckerwert knapp über 100 mg/dl ist an sich wenig aussagekräftig. Ab 110 mg/dl, bei einem HbA1c ab 6,0 % oder bei einem auffälligen Belastungstest sollten Sie handeln.
- Wenn Sie bereits eine Gefäßerkrankung haben (Schaufensterkrankheit, verengte Halsschlagader, Herzinfarkt oder Schlaganfall), ist Prädiabetes bei Ihnen kein Nebenbefund, sondern ein eigenständiger Risikofaktor und gehört in die Behandlung.
- Der Zuckerbelastungstest ist aufwendiger, aber am aussagekräftigsten. Bei unklaren Werten lohnt er sich.
- Bewegung, Gewichtsreduktion und Ernährung sind die wirksamsten Mittel, um den Übergang zum Diabetes zu verhindern. Bei Gefäßpatienten kommen konsequente Blutdruck- und Cholesterinbehandlung sowie Rauchverzicht hinzu.
- Ein neu aufgetretener Zuckeranstieg im Alter ohne erkennbaren Grund sollte ärztlich abgeklärt werden.
Wichtige Einschränkung
Die BMJ-Studie und die meisten zitierten Arbeiten fassen Beobachtungsstudien zusammen. Sie zeigen einen Zusammenhang, aber keinen Beweis dafür, dass der Zucker allein die Ursache ist. Andere Faktoren wie Übergewicht oder Bewegungsmangel können mitspielen, auch wenn die Forscher diese statistisch berücksichtigt haben.
Fazit
Prädiabetes ist mit einer messbar höheren Sterblichkeit verbunden. In der Allgemeinbevölkerung ist der Effekt moderat, bei Menschen mit Gefäßerkrankungen hingegen deutlich ausgeprägt. Der Prädiabetes betrifft dabei nicht nur Herz und Gefäße, sondern wahrscheinlich auch das Krebsrisiko. Entscheidend ist, welcher Wert erhöht ist und um wie viel. Wer seine Werte kennt, kann gezielt handeln, solange das Zeitfenster noch offen ist.
Quellen
- Cai X et al. Association between prediabetes and risk of all cause mortality and cardiovascular disease: updated meta-analysis. BMJ 2020;370:m2297.
- Huang Y et al. Prediabetes and the risk of cancer: a meta-analysis. Diabetologia 2014;57:2261–2269.
- Huang X et al. Prediabetes increases the risk of pancreatic cancer: a meta-analysis of longitudinal observational studies. PLOS One 2024;19(10).
- Increased colorectal cancer risk in prediabetes: a meta-analysis (2025); Prediabetes and the risk of lung cancer incidence and mortality: a meta-analysis (2023); Association between prediabetes and the incidence of gastric cancer: a meta-analysis; Prediabetes and the risk of breast cancer: a meta-analysis (2023).
- Prediabetes and risk of mortality, diabetes-related complications and comorbidities: umbrella review of meta-analyses of prospective studies (2021).
- Prediabetes and the risk of peripheral artery disease: a meta-analysis. Ann Vasc Surg 2024.
- Prediabetes increases the risk of major limb and cardiovascular events (Kohortenstudie, PMC10731780).
- Prediabetes, obesity and risk for incident atherosclerotic cardiovascular disease: a large-scale contemporary cohort study (2026).
- Mortality rates and mortality predictors in patients with symptomatic peripheral artery disease stratified according to age and diabetes (LIPAD). J Vasc Surg 2014.
- Prediction of all-cause mortality in endovascularly treated patients with peripheral arterial disease of the lower extremities (2025).
- Golledge J et al. Association of impaired fasting glucose, diabetes and their management with the presentation and outcome of peripheral artery disease. Cardiovasc Diabetol 2014;13:147.
- 2023 ESC Guidelines for the management of cardiovascular disease in patients with diabetes. Eur Heart J 2023;44:4043–4140.
- Prediabetes remission and cardiovascular morbidity and mortality: post-hoc analyses from DPPOS and DaQingDPOS. Lancet Diabetes Endocrinol 2025.
