Die Schlagzeilen widersprechen sich seit Jahren. Als Gefäßchirurg sehe ich täglich, was in der Debatte fast vollständig fehlt.

Es gibt eine Frage, die mir in der Sprechstunde häufiger gestellt wird – und sie kommt selten von Menschen mit Gefäßproblemen. Sie kommt von Angehörigen, von Bekannten, von Patienten, die eigentlich wegen etwas ganz anderem da sind:
„Stimmt es, dass Statine dement machen?“
Kurz darauf folgt oft der Nachsatz: „Meine Nachbarin hat das Mittel abgesetzt, seitdem ist sie wieder klar im Kopf.“
Wer im Internet nach einer Antwort sucht, findet mühelos Belege für jede beliebige Position. Statine schützen das Gehirn. Statine schädigen das Gehirn. Statine tun gar nichts. Alle drei Aussagen sind durch Studien belegt, und genau das ist das Problem.
Ich habe kürzlich einen ausführlichen Beitrag des Epidemiologen Dr. Lutz Kraushaar zu diesem Thema gelesen – methodisch sauber gearbeitet und für Laien besser aufbereitet als das meiste, was man dazu findet. Er hat mich trotzdem unbefriedigt zurückgelassen. Nicht wegen dessen, was darin steht, sondern wegen dessen, was fehlt. Und das Fehlende ist ausgerechnet das, was aus gefäßmedizinischer Sicht am schwersten wiegt.
Deshalb dieser Text.
Warum sich die Schlagzeilen widersprechen müssen
Der häufigste Denkfehler in dieser Debatte ist die Annahme, es gehe um eine Frage. Tatsächlich sind es drei – und sie werden von drei völlig verschiedenen Studientypen beantwortet, die man nicht gegeneinander ausspielen kann.
Frage 1: Können Statine bei einzelnen Menschen kurzfristig das Denken beeinträchtigen?
Hier liegen Einzelfallberichte vor. Menschen beginnen mit einem Statin, klagen über Wortfindungsstörungen oder „Nebel im Kopf“, setzen es ab, und die Beschwerden verschwinden. Bei manchen kehren sie nach erneuter Einnahme zurück. Diese Sequenz – Beschwerde kommt mit dem Medikament, geht ohne, kommt wieder mit – ist medizinisch ernst zu nehmen.
Was solche Berichte nicht können: sagen, wie häufig das passiert. Ob es einer von hundert Anwendern oder einer von hunderttausend Anwendern ist.
Frage 2: Verschlechtern Statine die geistige Leistung im Durchschnitt?
Hier liegen randomisierte Studien vor, also solche, bei denen per Losverfahren entschieden wird, wer das Medikament und wer das Scheinmedikament bekommt. Das ist der Goldstandard, weil sich beide Gruppen dadurch in allem gleichen – auch in Dingen, die niemand gemessen hat.
Zwei große Studien haben ältere Menschen über Jahre wiederholt kognitiv getestet, eine Zusammenschau von 42 randomisierten Studien mit über 150.000 Teilnehmern kommt zum selben Ergebnis: kein Unterschied. Beide Gruppen bauen mit dem Alter gleich schnell ab.
Frage 3: Bekommen Statin-Anwender langfristig häufiger oder seltener eine Demenz?
Hier liegen Beobachtungsstudien vor – Auswertungen großer Datenbanken, ohne Losverfahren. Und hier wird es chaotisch. Die bislang größte Zusammenschau von 55 Studien mit über sieben Millionen Menschen zeigt: Statin-Anwender haben 14 Prozent weniger Demenzfälle. Eine britische Auswertung unter 371.000 Menschen zeigt 19 Prozent mehr Alzheimer-Diagnosen.
Sieben Millionen Menschen. Wer will da widersprechen?
Man sollte. Und zwar aus einem Grund, den man in zwei Sätzen verstehen kann.
Der Denkfehler, der alle großen Datenbanken betrifft
Wer im Alter freiwillig ein vorbeugendes Medikament nimmt, ist typischerweise jemand, der auch sonst auf sich achtet: geht zur Vorsorge, bewegt sich, ernährt sich bewusst, hat ein soziales Umfeld. Diese Menschen entwickeln seltener eine Demenz – aber möglicherweise nicht wegen der Tablette, sondern wegen allem anderen. Fachleute nennen das den Healthy-User-Effekt.
Das Gegenstück ist ebenso stark. Wer mit 56 Jahren ein Statin verschrieben bekommt, ist meist kein Musterexemplar für Gesundheit, sondern jemand mit erhöhtem Risiko: Übergewicht, Bluthochdruck, bereits vorhandene Gefäßveränderungen. Diese Menschen entwickeln häufiger eine Demenz – wegen ihres Risikoprofils, nicht wegen der Tablette.
Dieselbe Substanz, zwei Datenbanken, entgegengesetzte Ergebnisse. Beide Studien beschreiben nicht die Wirkung eines Medikaments, sondern die Eigenschaften der Menschen, die es einnehmen.
Hinzu kommt ein Effekt, der selbst in Fachartikeln oft übersehen wird: Der Cholesterinspiegel sinkt in den Jahren, bevor eine Demenz diagnostiziert wird – die Erkrankung beginnt lange vor den ersten Symptomen und verändert den Stoffwechsel. Und Ärzte setzen bei zunehmend gebrechlichen Patienten vorbeugende Medikamente ab. Beides erzeugt scheinbare Zusammenhänge, die in Wahrheit rückwärts laufen.
Und schließlich: Statine verhindern Herzinfarkte. Wer nicht an einem Herzinfarkt stirbt, lebt länger – und hat mehr Lebenszeit, in der eine Demenz auftreten kann. Ein längeres Leben kann in der Statistik wie ein Risiko wirken.
Größere Zahlen machen einen verzerrten Vergleich nicht richtig. Sie machen ihn nur präziser falsch.
Was in der gesamten Debatte fehlt
Und hier komme ich zu dem Punkt, an dem ich als Gefäßchirurg widerspreche – beiden Lagern.
Fast die gesamte Diskussion behandelt „Demenz“ so, als sei sie eine einzige Krankheit. Ist sie nicht. Neben der Alzheimer-Erkrankung gibt es die vaskuläre Demenz – geistigen Abbau, der durch Schäden an den Blutgefäßen des Gehirns verursacht wird. Durch Schlaganfälle. Durch viele kleine, unbemerkte Verschlüsse. Durch die schleichende Verengung der kleinsten Hirngefäße, die man im MRT als weiße Flecken sieht, lange bevor jemand etwas bemerkt.
Und die meisten Demenzen im hohen Alter sind Mischformen: Alzheimer-typische Ablagerungen und Gefäßschäden im selben Gehirn.
Nun ist unbestritten, dass eine LDL-Senkung das Schlaganfallrisiko senkt. Das ist eine der am besten belegten Tatsachen der modernen Medizin. Wer das Schlaganfallrisiko senkt, senkt damit auch das Risiko der daraus entstehenden Demenzform.
Die renommierte Lancet-Kommission hat 2024 genau deshalb einen hohen LDL-Wert im mittleren Lebensalter offiziell in die Liste der beeinflussbaren Demenzrisikofaktoren aufgenommen.
Anders gesagt: Während beide Lager darüber streiten, ob Statine dem Gehirn schaden, wird die Substanzklasse in der Demenzforschung inzwischen auf der anderen Seite der Rechnung geführt.
Der stärkste Gegenbeweis – und warum ihn kaum jemand erwähnt
Die Sorge hinter der Statin-Angst ist plausibel: Das Gehirn braucht Cholesterin, Statine senken Cholesterin, also könnte das Gehirn leiden.
Diese Kette lässt sich überprüfen – auf zwei Wegen, die beide selten in der Debatte vorkommen.
Erstens die Genetik. Es gibt Menschen, die von Geburt an Genvarianten tragen, die ihren Cholesterinspiegel lebenslang niedrig halten – gewissermaßen ein natürliches Experiment über siebzig Jahre statt über fünf. Bei ihnen findet sich kein erhöhtes Demenzrisiko.
Zweitens die neuen Cholesterinsenker. Die sogenannten PCSK9-Hemmer senken das LDL auf Werte, die man früher für unmöglich hielt – teilweise unter 20 mg/dl. In der zugehörigen Studie wurden die Teilnehmer systematisch kognitiv getestet. Es zeigte sich kein Effekt auf die geistige Leistungsfähigkeit.
Dass das Gehirn auf niedriges Blutcholesterin empfindlich reagiert, ist damit so gründlich widerlegt, wie es die Medizin überhaupt kann. Der Grund ist einfach: Das Gehirn stellt sein Cholesterin selbst her, hinter der Blut-Hirn-Schranke, weitgehend unabhängig vom Blutspiegel.
Was das nicht bedeutet
Es bedeutet nicht, dass die Nachbarin sich ihre Beschwerden eingebildet hat.
Dass eine Studie im Durchschnitt keinen Effekt findet, schließt nicht aus, dass Einzelne reagieren. Wenn drei von hundert Menschen ein Symptom entwickeln und siebenundneunzig nicht, verschwindet das im Mittelwert – ist für die drei aber real.
Diese Symptome sind, soweit wir beurteilen können, rückbildungsfähig. Sie treten in den ersten Wochen bis Monaten auf und verschwinden nach dem Absetzen. Sie sind kein Vorbote einer Alzheimer-Erkrankung. Das ist ein wichtiger Unterschied, der in den Schlagzeilen regelmäßig verschwimmt.
Die Studie, auf die es sich zu warten lohnt
Alles Bisherige weist dieselbe Lücke auf: Randomisierte Studien liefen über wenige Jahre und maßen die Denkleistung, nicht die Demenz. Beobachtungsstudien erfassten Demenz, jedoch ohne Losverfahren.
Genau diese Lücke schließt die australische STAREE-Studie: knapp 10.000 Menschen ab 70 Jahren, ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung, ohne Diabetes, ohne Demenz, per Los auf Atorvastatin oder ein Scheinmedikament verteilt – mit Demenz als Teil des Hauptergebnisses. Öffentlich finanziert, nicht von der Industrie.
Der Beitrag, der mich zu diesem Text veranlasst hat, schreibt, die Studie habe „gerade erst begonnen“ und man müsse noch Jahre warten. Das trifft nicht zu: Die Rekrutierung ist seit Jahren abgeschlossen, der Auswertungsplan ist veröffentlicht, und das Studienende lag Ende 2025. Die Ergebnisse stehen unmittelbar bevor.
Das ist keine Formalie. Es ist der Unterschied zwischen „wir wissen es irgendwann“ und „wir wissen es demnächst“.
Was Sie daraus machen können
Ich gebe an dieser Stelle keine Therapieempfehlung – das gehört in ein Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, der Ihre Werte und Ihre Vorgeschichte kennt. Was ich Ihnen mitgeben kann, sind die Fragen, mit denen Sie in dieses Gespräch gehen sollten.
Verankern Sie die Entscheidung dort, wo sie hingehört. Ein Statin wird zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall verschrieben, nicht zur Alzheimer-Vorbeugung. Die Entscheidung hängt von Ihrem Gefäßrisiko – von ApoB oder LDL, von Lipoprotein(a), vom Blutdruck, von der Familiengeschichte, gegebenenfalls vom Kalkscore der Herzkranzgefäße ab. Die Demenzfrage ist nach heutiger Datenlage kein tragfähiges Argument – weder dafür noch dagegen.
Wenn Beschwerden auftreten: umsteigen statt aufzugeben. Statine unterscheiden sich darin, wie gut sie ins Nervengewebe gelangen. Ein Wechsel des Präparats löst das Problem häufig. Und inzwischen gibt es mehrere Alternativen, die auf ganz anderem Weg wirken. Ein ersatzloses Absetzen ist fast nie die einzige Option – und selten die beste.
Und vergessen Sie bei der Tablettenfrage nicht die großen Hebel. Für den Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit sind Ausdauerbewegung, Krafttraining, Blutdruckkontrolle, unbehandelte Schwerhörigkeit, Schlaf, Alkohol und soziale Einbindung gemeinsam um ein Vielfaches bedeutsamer als alles, worüber in dieser Debatte gestritten wird. Ein Statin ersetzt keinen einzigen davon.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Setzen Sie verordnete Medikamente nicht ohne Rücksprache ab.
Prof. Dr. med. Ralf Kolvenbach ist Facharzt für Gefäßchirurgie, FEBVS, und leitet die Gefäßchirurgie am Sana Krankenhaus Düsseldorf-Gerresheim.










